GOOD NEWS FROM GOOD PEOPLE


GOOD NEWS FROM GOOD PEOPLE

Diesmal: c h o n g*  ist ein Verein für Theater und soziales Engagement zur Förderung von künstlerischer Identität, Integration und humanitärer Hilfe. Seit dessen Gründung durch Hilde Dalik, Melika Ramic, Michael Ostrowski, Julia Schranz und Silke Ofner im Jahr 2014 konnten bereits einige wichtige Projekte durchgeführt werden, für die sich seit 2015 auch Susi Stach engagiert.

Habibi & Hawara-Bloggerin Janina Lebiszczak sprach mit der Schauspielerin Hilde Dalik („Vorstadtweiber“, „Womit haben wir das verdient“, etc.) über ihr teilweise sehr persönliches und dabei unaufhaltsames Engagement.

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„You can CHONG* the world!“

H&H: Karitatives Engagement, das bedeutet in Deinem Fall  persönlicher, sozialer Einsatz, vor allem für junge Flüchtlinge. Wie kam es dazu?

Dalik: Begonnen hat alles im Sommer 2013 beim Laura Gatner Haus der DIAKONIE. Das war ein Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Zu dem Zeitpunkt waren zirka 40 junge Männer dort untergebracht. Ich war neugierig, wollte mir anschauen, wie diese Menschen leben, die ohne Familie zu uns geflüchtet sind. Ich hatte schon längere Zeit das Gefühl, dass ich mich in irgendeiner Form an der Gemeinschaft beteiligen sollte, in der ich lebte. Es war also beides: Neugier und Pflichtgefühl. Und ja: es is mir nicht leicht gefallen. Ich erinnere mich, dass ich das erste Mal erstmal durchatmen musste, bevor ich aus dem Auto stieg, um rein zu den Jungs zu gehen. Ich hab mir gesagt: Keine Angst. Einfach reingehen, als wäre es ganz normal. Dann bin ich rein. Große dunkle Augen haben mich angeschaut. Ich wusste nicht, wer deutsch kann, wer nicht? Wie sollte man kommunizieren? Es war aber dann wirklich ganz leicht. Ich habe die Hand hingestreckt, ein Lächeln zurückbekommen und wir haben mit unserer gemeinsamen Arbeit begonnen.

„Ich habe die Hand hingestreckt, ein Lächeln zurückbekommen und wir haben mit unserer gemeinsamen Arbeit begonnen.“

H&H: Wie sah diese Arbeit konkret aus?

Dalik: Ich hab mich an dem Theaterprojekt vom Laura Gatner Haus beteiligt, das die damalige Therapeutin dort initiiert hat. Darüberhinaus hab ich interessierte Jungs eingeladen, verschiedene Stücke im Theater in Wien zu sehen, bin mit ihnen ins Kino gegangen, habe mit ihnen am Parkplatz vor dem Laura Gatner Haus Cricket gespielt und gemeinsam essen gekocht. Sie haben von mir gelernt und ich von ihnen, diese Gegenseitigkeit war immer sehr wichtig.  Besonders wichtig für von der Flucht traumatisierte Menschen ist es, ihnen einen sicheren Ort zu geben, wo sie zur Ruhe kommen können, um sich von der Vergangenheit distanzieren zu können, wieder zu Kräften, Kontrolle, Selbstermächtigung und ihrer eigenen Identität zu kommen. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Theaterkurs einen Beitrag geleistet hat, die Kompetenzen der Beteiligten in spielerischer Art zu aktivieren.

H&H: Wie kam es zu „ROMEO & JULIA – FREESTYLE“, eurer ersten Produktion im Theater Dschungel Wien?

Dalik: Über einen Zeitraum von 6 Monaten wurde regelmäßig trainiert, Hip Hop & Akrobatik mit zwei Tanzlehrern, und Schauspielgrundlagen mit Melika Ramic. Wir haben uns intensiv mit Shakespeares „Romeo und Julia“ beschäftigt, immer wieder über die persönlichen Haltungen der Darsteller zu den wichtigsten Themen im Stück gesprochen, aber auch über Themen, die unsere Darsteller abseits des Stückes beschäftigten, wie eben ihre Fluchtgeschichten. Es sollten alle mitmachen, die das wollten, und die genug Disziplin hatten, regelmäßig zum Training zu kommen und die sich zutrauten auf einer Bühne zu stehen. Am Anfang waren es um die 30, übrig geblieben ist der harte Kern von 12 Mädels und Jungs.

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H&H: Wie war die Zusammenarbeit?

Dalik: Nicht immer leicht. Auf einige Dinge musste zugunsten der Theaterproben verzichtet werden. Im Sommer war Ramada, da durften die, die sich dafür entschieden haben, tagsüber nichts essen und nichts trinken. Es war ein sehr heißer Sommer. Und zu diesem Zeitpunkt haben wir mehrmals pro Woche, fast täglich geprobt. Andere sind Samstagabends fortgegangen, so wie das junge Menschen eben machen, haben vielleicht sogar das ein oder andere Bier getrunken und die Nacht durchgemacht. Trotzdem waren sie am nächsten Tag pünktlich bei der Probe und geistig bei der Sache.

„Es wurden aktiv Opfer gebracht, es wurde auf Urlaub verzichtet, es wurde geschwitzt, die eigenen Grenzen und auch die eigenen Ängste wurden überwunden.“

Wir haben wirklich sehr viel Zeit miteinander verbracht, und diese Zeit zählt sicher zu einer der Schönsten in meinem Leben.

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H&H: Wer hat euch unterstützt?

Dalik: Wir wurden von vielen Künstlern unterstützt: Sophie Aujesky, Alexander Pschill, Wolfi Schlögl, Kyrre Kvamm, Kaja Dymnicki, Jan Frankl, Michael Ostrowski und viele mehr. Die haben mitgespielt, gefilmt, gemeinsam geprobt, gefeiert – und durch all das sind wir eine gute, starke Gruppe mit großem Gemeinschaftsgefühl geworden, in der jeder für den anderen Verantwortung übernahm. Abgesehen davon habe ich mich sehr beschenkt gefühlt durch die Energie und die Freude, mit der alle bei der Sache waren.  Und das, obwohl viele belastet waren – durch ihre vergangenen Erlebnisse oder durch Probleme, die in der Gegenwart zu lösen waren. Außerdem hat sich unsere Gruppe aber auch immer sozial engagiert. Die jungen SchauspielerInnen meiner Truppe haben etwa für „sHäferl“ gekocht, eine Einrichtung der Diakonie für Obdachlose, und wir waren im Sommer 2015 fast täglich in Traiskirchen um den Menschen dort Sachspenden und Essen zu bringen. Seit 2015 ist meine Kollegin Susi Stach dabei. Durch ihre Initiative ist unser Verein das, was er heute ist.

H&H: Wie sieht die Zukunft für euch aus?

Dalik: Unser Verein c h o n g * unterstützt mit über 35 Ehrenamtlichen – u.a. aus der Theater- und Filmbranche – geflüchtete Menschen beim Deutschlernen in ihrem Vereinsraum. Wir finanzieren uns nur durch Spenden und unseren persönlichen Einsatz. chong* hilft bei Behörden- und Arztwegen, eine Wohnung, einen Job oder einen Ausbildungsplatz zu finden und stellt gespendete Möbel zur Verfügung. Außerdem werden Theaterworkshops organisiert.  Alles recht unbürokratisch und schnell.

H&H: Was konntest Du lernen?

„Ich habe gelernt, dass ich zu mehr fähig bin, als ich mir zutraue. Ich habe auch gelernt, dass ich mir meine Kräfte besser einteilen sollte. “

Dalik: Ich habe gelernt, dass ich zu mehr fähig bin, als ich mir zutraue. Ich habe auch gelernt, dass ich mir meine Kräfte besser einteilen sollte. Ich lerne nach wie vor, dass helfen nur solange gut ist, wie ich es selber gut schaffen kann. Dass man sich selber nicht überfordern sollte. Man kommt leicht in eine Art Euphorie, die aber möglicherweise in Überarbeitung enden kann. Und dann kann man gar nichts mehr tun. Helfen ist gut für die, die wollen –  aber es sollte ein gutes Maß an Engagement gefunden werden.

H&H: An welches Erlebnis kannst Du Dich besonders gut erinnern, welches Gespräch hat Horizont und Herz geöffnet?

Dalik: Alle mussten in ihren jungen Jahren schwerwiegende Verluste erleiden. Fast alle haben eine harte, lebensbedrohliche Reise hinter sich. Und jeder von ihnen ist ein Held. Denn trotz allem, was sie erlebt haben, sind sie starke Persönlichkeiten, die es schaffen, glücklich zu sein. Die unterschiedliche Wünsche haben, aber alle wollen in Sicherheit leben, Ziele verfolgen, die ihr eigenes Leben betreffen, aber auch die Gemeinschaft hier in Österreich. Bei der Arbeit zu ROMEO & JULIA ist vieles davon eingeflossen. Ein junger Afghane erzählte, wie er als Siebenjähriger in einer Schmiede arbeiten musste, meist ohne Strom, jeden Tag, viele Stunden. Ein Anderer erzählte, wie man seinem Bruder das Bein amputierte nach einem Bombenangriff. Ein weiterer Bursch beschrieb seine Flucht, 10 Leute auf einem Auto stehend, mit 120kmh bretterten sie über die Grenze zum Iran, sie haben sich festgekrallt, um nicht davonzufliegen. Er war damals 14 Jahre alt. Ein junger Kurde schrieb Gedichte, das war rührend und lustig und poetisch: „Heute habe ich eine neue Kneipe entdeckt, gegenüber vom Friedhof. Falls du mich eines Tages suchst und nicht findest, bin ich entweder in der Kneipe oder genau gegenüber.“

H&H: „Das Ich wird Ich erst am Du,“ meinte Viktor Frankl. Stimmt das? Erfahren wir uns in der Gemeinschaft, im gegenseitigen Unterstützen intensiver?

„Das gegenseitige Unterstützen macht schon reicher, aber wir haben das nie getan, um ein Danke zu ernten, oder um uns auf ein Podest zu stellen. Sondern weil es unsere Pflicht ist, Menschen zu helfen, die Hilfe brauchen.“

Dalik: Das gegenseitige Unterstützen macht schon reicher, aber wir haben das nie getan, um ein Danke zu ernten, oder um uns auf ein Podest zu stellen. Sondern weil es unsere Pflicht ist, Menschen zu helfen, die Hilfe brauchen. Ganz einfach. Wenn ich in einer Situation bin, wo ich Hilfe brauche, freue ich mich auch über Hilfe.

H&H: Wie kann man eine entsolidarisierte Gesellschaft wieder zusammenführen, damit wir respekt- und liebevoller miteinander umgehen?

Dalik: Als ich klein war, wurde in meinem Kindergarten ein Mädchen ausgeschlossen. Meine Mutter hat mir daraufhin gesagt: um die scheinbar Schwächeren kümmert man sich. Punkt. Ich glaube, dass das heute mehr gilt als je zuvor. Niemand hat mehr Recht, etwas zu besitzen als ein anderer.

„Wir sind alle eins, wir sind alle gleich. Wenn wir uns das nicht immer wieder wie ein Mantra vorsagen, wird die Ungleichheit bestehen bleiben.“

H&H: Wer sind Deine Vorbilder, vorallem was den Einsatz für Andere betrifft? Wer beeindruckt Dich?

Dalik: Ich hab da nicht ein Vorbild, es gibt viele Leute, die oft im Kleinen und Veborgenen Gutes leisten. Das schätze ich. Ansonsten find ich Charlie Chaplin gut, und John Cassavetes und Gina Rowland und M.I.A.

H&H: Von welcher Welt, welchem Österreich träumst Du für Dich – und nun auch deine kleine Tochter?

Österreich ist eines der reichsten Länder der Welt. Eigentlich könnte alles ganz toll laufen bei uns.

„Ich wünsche mir ein Österreich mit Menschen, die Zivilcourage zeigen, die sich gegen Unrecht wehren und die respektvoll miteinander umgehen.Menschen, die andere Menschen als gleich an Recht und Würde sehen.“

Ihr wollt c h o n g* unterstützen?

ZEIT

Der Verein sucht immer wieder Freiwillige, die Deutschnachhilfe geben, die Geflüchtete bei Arzt- und Behördenwegen begleiten, die bei alltäglichen Fragen helfen. Dafür braucht man keinerlei Vorkenntnisse.

GELD

verein chong
Hilde Dalik
IBAN: AT352011182541255000
BIC: GIBAATWWXXX
Bankleitzahl: 20111 GOOD NEWS FROM GOOD PEOPLE