GOOD NEWS FROM GOOD PEOPLE


„Ein Sprungbrett, das gut federt!“

Dieses Mal verrät unsere Geschäftsführerin von Habibi & Hawara im Nordbahnviertel Ulrike Plichta, was euch dort alles erwartet – und warum sie daran glaubt, dass gemeinsamer Genuss gut für die Gesellschaft ist. Im Gespräch mit Habibi & Hawara Bloggerin Janina Lebiszczak.

Endlich – Habibi & Hawara eröffnet im Nordbahnviertel in Wien-Leopoldstadt! Auch hier gilt das Motto: Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund werden als Mitarbeiter*innen angestellt, erhalten eine Ausbildung und sollen im besten Fall später selbst als Unternehmer durchstarten. Und das in mitten eines der größten  Stadtentwicklungsgebiete Wiens, unter anderem finanziert durch eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne via Green Rocket. Neben 70 Indoor-Sitzplätzen gibt es im Habibi & Hawara Nord auch auf einer beheizbaren Arkade reichlich Platz für die Gäste, die Erträge werden in die Expansion des Social-Franchise-Systems und dessen Qualifizierungs- und Trainings-Programm re-investiert.

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Mit an Bord und der Spitze des Teams – eine Frau. Geschäftsführerin Ulrike Plichta, 58, hat sich den letzten Baustellenstaub von den Schultern geklopft und mit uns vorab über alles gesprochen, was euch erwartet.

Ulrike, bald wird eröffnet? Was erwartet uns?

Es wird wunderwunderschön. Unser Restaurant hat eine offene Küche: Unsere Gäste können also unseren Köch*innen zuschauen, wie die Speisen zubereitet werden.

Wir haben insgesamt etwa 70 Plätze. Acht rund um die Bar, und weitere 60 an den Tischen. Wir haben einen kleinen Bereich, der ein bisschen abgetrennt ist, den wir Family Room nennen für 24 Personen, und wir haben einen ganz besonderen Tisch genau vor unserem großen Fenster. Bestens geeignet ein Stammtisch zu werden. Im Sommer werden wir drei Schanigärten haben. Ost-, Süd- und Westseitig. Der Westseitige liegt genau vor unserem Restaurant unter den Arkaden, der auch im Winter gemütlich gestaltet sein wird. Für alle die, die zwischendurch eine Zigarette rauchen wollen.  Wenn das Nordbahnviertel fertig ist, werden dort etwa 30.000 Menschen wohnen. Werktags kommen weitere 10.000 Menschen, um dort zu arbeiten. Und wenige Meter von uns entfernt gibt es ein Wohnheim für Studierende mit 800 Betten. Viele können es kaum erwarten, dass wir eröffnen. Und wir können es kaum erwarten, für sie zu kochen und sie zu verwöhnen.

Wie seid Ihr zu Eurem neuen Team gekommen?

Wir engagieren Menschen, mit all ihren Kompetenzen, Erfahrungen, Wünschen und Sehnsüchten. Dort holen wir sie ab. Und sehr oft passiert es, dass sich ein Hilfskoch als perfekter Kellner entpuppt und wir ihn lieber zu den Gästen schicken, als dass er kreativ Karfiol schnippelt. Also bilden wir ihn dort aus. Wir haben einen Mitarbeiter im Catering-Bereich, der nebenher Sozialpädagogik studiert. Sein Wunsch ist es, einmal ein Restaurant zu führen, in dem er Menschen engagieren kann, die in unserer Gesellschaft sonst nicht Fuß fassen können. Ihn lassen wir nicht nur den LKW mit den Catering-Boxen beladen, mit ihm reden wir auch über Unternehmertum, überlassen die Entscheidungen, wie man Arbeitsabläufe optimiert, ihm.

Wir haben eine Reinigungskraft aus Kenia, die in ihrem Herzen bereits jetzt Unternehmerin ist. Sie rechnet ihren Kolleg*innen in der Küche vor, wie viel es kostet, wenn sie mit den Putzfetzen nicht sorgsam umgehen, sie schlichtet unaufgefordert die Lagerregale so, dass auf einen Blick zu sehen ist, was nachbestellt werden muss und keine Engpässe entstehen. Hätte sie von Anfang an in ihrem Leben diese Chancen gehabt, die wir hatten, sie hätte mit Sicherheit eine eigene Reinigungsfirma.

Unsere Pâtissière war in ihrem früheren Leben vermutlich Dessert-Weltmeisterin. Sie probiert ständig was Neues aus, eines feiner als das andere. Und weil sie weiß, dass ich gerne Süßes mag, winkt sie mich verschwörerisch in die Küche und lässt mich ihre neue Kreation kosten. Sie wartet dann immer mit angehaltenem Atem, wie es mir schmeckt. Inzwischen beherrscht sie das gesamte Feld gustatorischer Adjektive im Superlativ.

Und wie wurdest Du eine Habibti bzw. Hawararin?

Als das Nebenlokal unseres ersten Lokals – eine in die Jahre gekommene Pizzeria – frei wurde, haben die Hawaras kurzerhand das Lokal dazu gemietet, eine Wand durchgebrochen und sich vergrößert. Eine ziemliche Herausforderung. Die Wege wurden plötzlich länger und es haben nun fast doppelt so viele Gäste Platz. Der Auftrag an mich lautete: Zusammenfügen, neu strukturieren, Ordnung machen. So wurde ich zur Drehscheibe in der Kommunikation. Und eines Tages wurde ich ins Ober-Hawara-Büro gebeten und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das neue Restaurant als Geschäftsführerin zu führen. Das hat mich sehr berührt. Weil es eine unglaubliche Anerkennung für meine bisherige Arbeit ist.

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von links: Martin Rohla, Architekt Michael Osmann, Serviceleiter Laszlo Horvath und Ulrike Plichta.
Wie hast Du Dich im Nordbahn-Team eingelebt?

Unser Restaurantleiter hat es goldrichtig gemacht: Nicht er hat mich eingeschult, er hat es den Habibis übertragen. Sie haben mir gezeigt, wie man Bier zapft, wie man einen Averna Sour richtig mischt, wie man Tische korrekt abräumt, den Gästen erzählt, was sie da vor sich am Teller haben, wie die Bestellungen so ins System eingebucht werden, dass auch die Habibis in der Küche wissen, was sie rausschicken müssen. Man sagt von mir, dass ich ein Gespür habe für das, was jemand gerade in diesem Moment, gerade in dieser Herausforderung, in dieser Entwicklungsphase braucht oder was hilfreich sein könnte. Und es macht mir große Freude, wenn ich das einbringen kann.

Wer sind deine Mitarbeiter*innen? Woher kommen sie und was ist ihre Geschichte?

Das Team im Habibi & Hawara Nordbahn wird aus elf Mitarbeiter*innen aus neun Nationen bestehen.

Drei von ihnen kommen aus dem Habibi & Hawara Eins und sind schon länger bei uns. Wichtig ist uns, dass alle unsere Philosophie spüren, dass sie Freude haben, sich auf den Habibi & Hawara Spirit einzulassen, dass sie bereit sind, unternehmerisch zu denken. Und dass sie Respekt haben vor ihren Kolleg*innen.

Was konntest Du von Ihnen lernen?

Dass wir uns von der Idee verabschieden müssen, es gäbe  DIE geflüchteten Menschen,  DIE Migrant*innen, als wären sie eine homogene Gruppe. Noch nicht einmal wenn sie aus demselben Land kommen sind sie eine homogene Gruppe. Noch nicht einmal, wenn sie eine Familie sind, sind sie homogen. Sie sind so vielfältig und so individuell wie es der Rest der Welt auch ist.

Wenn ein Leben durch einen Krieg in seinem bisherigen Lauf jäh unterbrochen wird, dann ist das eine Zäsur. An der Oberfläche funktionieren die Menschen weiter, aber tief in ihnen ist alles aus der Bahn geworfen. Das tragen sie in sich und sie werden es immer in sich tragen, auch wenn es ihnen gelingt, ihr Leben neu zu ordnen.

Sie machen ihre Arbeit, sie gestalten ihren Alltag. Und sie lernen unglaublich schnell dazu. Ich denke mir dann oft, wie werden unsere Habibis in zwanzig Jahren, in fünfzig Jahren, am Ende ihres Lebens auf diese Zeit bei uns zurückblicken?  Wir sind für sie ein Sprungbrett. In vielen unterschiedlichen Belangen. Wir sind nicht nur Arbeitgeber. Und es macht große Freude, dafür zu sorgen, dass dieses Sprungbrett so richtig gut federt und sie auf den Absprung optimal vorbereitet sind.

Welche Speisen und Getränke bei Euch kannst Du besonders empfehlen?

Meine Lieblingsspeise sind die Krautrouladen von Hamoudi. Er füllt sie mit Reis und Lammfleisch, würzt sie mit getrockneter Pfefferminze und viel Zitrone. Und das wichtigste: Er gibt Granatapfel dazu. Sie sind viel saftiger als Krautrouladen, wie wir sie machen, sie sind länglicher und dünner, haben mehr Kraut als Fleisch. Ein Gedicht!

Auch am Habibi & Hawara-Kochbuch, das im Frühjahr 2020 erscheint,  hast Du mitgewirkt. Was war Deine Aufgabe?

Ich bin in meinem Freundeskreis als Geschirr-Tussi bekannt. Ich liebe Kochgeschirr, Essbesteck, Schüsseln, Teller, Krüge. Wenn ich von Reisen etwas mitbringe, dann ist es Geschirr. Am liebsten von Flohmärkten. Da musste die Dekorationsfrage zum Kochbuch gar nicht zu Ende formulieren, da war meine Antwort schon: „Ja, ich will!“

Ein paar Abschlussworte: Warum sollen die Leute in Strömen zu euch kommen?

Orientalische Gastfreundschaft gemischt mit Wiener Schmäh. Das sind wir. Und womit sonst kann man sich selbst so viel Gutes tun, wie mit einem feinen Essen in gemütlicher Atmosphäre? Die Leute sollen zu uns kommen, weil unsere Habibis brummende Lokale lieben, weil sie dann voll in ihrem Element sind. Und weil ihnen das Mut macht, dass ihr Leben eines Tages auf allen Ebenen wieder einigermaßen normal sein wird.

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Ulrike Plichta, 58, Geschäftsführerin Habibi & Hawara Nordbahnviertel

Begonnen hat ihre abwechlunsgeiche Karriere im Theater mit Kostüm, Bühnenbild und Organistation. Plichta arbeitete in Folge bei einem internationalen Theaterverband, der zur UNESCO gehört und bei der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Nach dem Studium der Philosophie und Politik studiert und einer Coaching- Ausbildung wurde sie Geschäftsführerin einer gemeinnützigen Bundesstiftung im Bereich Entwicklungspolitik mit Schwerpunkt Bevölkerungsentwicklung und Migration und leitete die Stiftung fünf Jahre lang.  Sie sagt: „Jetzt kann ich wirklich alles, was ich je gelernt und erfahren habe einbringen kann. Sogar meine Karriere als Geräte-Turnerin macht nun Sinn. Wenn zum Beispiel Anmut gefragt ist, weil ein vollbeladenes Tablett durchs Restaurant balanciert werden muss.“