GOOD NEWS FROM GOOD PEOPLE


GOOD NEWS FROM GOOD PEOPLE

Diesmal: „Kicken ohne Grenzen. Habibi & Hawara-Bloggerin Janina Lebiszczak traf Gründer Karina Lackner zum Gespräch über gelungene Integration und Sport als Motor des gesellschaftlichen Zusammenhaltes.

Jeden Mittwoch treffen sich rund 15 Frauen auf der Jugendsportanlage Birkenwiese zum wöchentlichen Fußballtraining. Die Spielerinnen kommen meist aus Syrien, Afghanistan, dem Irak oder aus Somalia. Auf ihren weinroten Trikots prangt das Wappen von „Kicken ohne Grenzen“. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, auf fußballerischem Wege einen Beitrag zur Integration junger geflüchteter Menschen zu leisten. Abseits des Fußballs werden die Teilnehmerinnen beim Deutschlernen und der Suche nach einem Job oder Ausbildungsplatz unterstützt. Neben dem Frauenteam gibt es auch noch zwei Männer- und ein Kinderteam. „Fußball ist ein ideales Werkzeug für den gegenseitigen Austausch“, sagt Susanne Dobner, ehrenamtliche Trainerin des Fußballprojekts. „Bei den Mädchen geht es viel um Empowerment, sie profitieren enorm davon”. Preise für soviel Engagements gab es bereits jede Menge, zuletzt ehrte die Frauenzeitschrift „maxima“ die Kicker ohne Grenzen mit dem „Helping Hands Award“, 2016 war es der Anerkennungspreis beim vom Integrationsfonds vergebenen Integrationspreis Sport, 2017 dann der Frauen-Integrations-Award. Trotzdem gibt seit 2018 keine Förderung vom Sportministerium mehr für das mehrfach preisgekrönte Projekt. Gekickt wird allerdings weiter. Das Team freut sich auf neue Spielerinnen und jede Form von Unterstützung.

Fußball hat so viel gesellschaftliches Gewicht und Einfluss, dass er ein Land sogar politisch verändern kann“

H&H: Über „Kicken ohne Grenzen“ hat man schon viel gehört. Aber wer seid ihr eigentlich?

Karina: Wir sind ein offenes Sport &Bildungsprojekt, das kostenlose Fußballtrainings für geflüchtete Jugendliche anbietet und dort mit spezifischen Übungen Soft-Skills schult, die Jugendliche für den Arbeitsmarkt oder Schulbildung brauchen können. Ein Schwerpunkt liegt im Empowerment von geflüchteten jungen Frauen – derzeit machen Mädchen und Frauen fast 50 Prozent unserer TeilnehmerInnen aus. Alois Gstöttner, mein Gründerkollege und ich, kommen eigentlich aus der Softwareentwicklung. Das gab uns von Anfang an sehr viel zeitliche Flexibilität bei der Arbeit für „Kicken ohne Grenzen“. Wir haben schon Jahre davor ein paar kleine Projekte im Bereich Fußballkultur gemeinsam organisiert. Ich habe 2,5 Jahre in São Paulo gelebt, dort haben wir beispielsweise den ehemaligen Profi-Fußballer Sócrates interviewt, der im Rahmen einer selbst organisierten Demokratiebewegung innerhalb seines Fußballteams den Wandel von Militärdiktatur zu Demokratie entscheidend mitgeprägt hat. Das hat mich fasziniert. Dass Fußball so viel gesellschaftliches Gewicht und Einfluss hat und ein Land sogar politisch verändern kann. Zusätzlich arbeiten bei uns fünfzehn extrem engagierte TrainerInnen für insgesamt vier Teams. Die meisten sind von Anfang an dabei und mit Herzblut im Projekt. 

H&H: Wie hat alles begonnen?

Karina: Wir haben das Projekt im Rahmen der Flüchtlingsbewegung 2015 ins Leben gerufen. Die erste Idee war es, einfach ein niederschwelliges Freizeitangebot ins Leben zu rufen. Viele unserer Freunde waren neugierig und wollten wissen, wer diese Menschen sind, die hier nach Österreich flüchten. Das Fußballtraining war ein unverkrampfter Ort der Begegnung. Im November 2015 gründeten wir das erste Frauen-Team. Danach war schnell klar, dass das Projekt mehr als nur lose Freizeitbeschäftigung sein kann. 

Kicken ohne Grenzen - Shake Hands

Das Training ist ein Safe-Space, der Normalität und Alltag bringen soll und auch traumatisierten Jugendlichen die Möglichkeit geben soll, positive Erfahrungen machen zu können.“

H&H: Wie viele Menschen trainieren bei und mit euch? Woher kommen sie, was haben sie erfahren müssen?

Karina: Derzeit trainieren ca. 120 Jugendliche in unserem Projekt bzw. nehmen an unseren Bildungsangeboten teil. Zwei Burschen-Teams, ein Frauen-Team und ein gemischtes Kinder-Team. Die meisten der Jugendlichen kommen aus Afghanistan, Syrien, Iran und Irak. Wir haben aber auch Mädchen und Burschen aus Gambia, Nigeria oder Somalia. Das Maximum waren 12 verschiedene Nationen innerhalb unseres Projekts.  Unsere TeilnehmerInnen haben natürlich die unterschiedlichsten Erfahrungen aus ihrem Heimatland, der Flucht, aber auch von ihrer Ankunft in Österreich mitgebracht. Das Training selbst ist aber ein Ort, an dem über diese Erfahrungen kaum gesprochen wird. Es ist ein Safe-Space, der Normalität und Alltag bringen soll und auch traumatisierten Jugendlichen die Möglichkeit geben soll, andere positive Erfahrungen abseits der negativen Erlebnisse machen zu können. Aber klar, wir haben gewaltbetroffene Frauen und Mädchen, teilweise auch Opfer von Menschenhandel. Wer sich beispielsweise ohne Familie auf den Weg von Nigeria durch die Wüste nach Europa macht, hat mit Sicherheit Unvorstellbares erlebt.

H&H: Wie oft wird trainiert?

Karina: Jedes Team trainiert ein Mal wöchentlich. Zusätzlich gibt es für das Frauen-Team einen wöchentlichen Anfängerinnen-Schwimmkurs. Alle zwei Wochen spielen wir gegen befreundete Teams aus unserem Netzwerk – da ist alles dabei von Altherren- bis Frauen-Team bis zum Liga-Verein. Wenn wir mit einem Unternehmen für Job-Schnuppertage kooperieren, ist die erste Frage oft, ob sie ein internes Team haben. So haben sie die Möglichkeit die Jugendlichen unseres Projekts unverkrampft kennen zu lernen. Ein Match gegen Beamte der Wiener Polizei ist auch in Planung. Natürlich sind ab und zu auch sehr talentierte SpielerInnen dabei. Aber grundsätzlich ist unser Zugang nicht leistungsorientiert. Wir bilden bei uns keine Profi-FußballerInnen aus. Bei uns spielen blutige AnfängerInnen gemeinsam mit super Routine-SpielerInnen. Das stärkt den Teamgeist, Fairplay, aber auch die Frustrationstoleranz. Wer aber gerne in ein Profi-Team wechseln möchte und das Talent dazu hat, wird von uns beim Wechsel unterstützt. Wir können dann Kontakte zu befreundeten Vereinen knüpfen und die Vereine dann bei der Anmeldung der Spieler auch ein bisschen unterstützen. 

Kicken ohne Grenzen - Spielerinnen

Es wäre schön, wenn uns auch einmal eine Profi-Fußballerin besuchen würde. Jungen, fußballbegeisterten Mädchen fehlen hier einfach die Role-Models.“

H&H: Waren schon echte Fussballstars bei euch zu Besuch?

Karina: Ja, Steffen Hofmann! Er ist einer unserer Botschafter und wir hatten die Ehre das Vorspiel gemeinsam mit dem „Rapid Special Needs Teams“ seines Abschiedsspiels im Weststadion zu machen. War für unsere Mädchen und Burschen natürlich ein irres Erlebnis. Im großen Stadion vor allen Fans.  Es wäre aber schön, wenn uns auch einmal eine Profi-Fußballerin besuchen würde. Jungen, fußballbegeisterten Mädchen fehlen hier einfach die Role-Models.

H&H: An welche schönen, positiven Geschichten mit euren SpielerInnen erinnert ihr euch?

Karina: Es gibt so viele, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind. Wenn anfangs sehr schüchterne und zurückhaltende Spielerinnen in einem gemischten Team mit Jungs lautstark den Ball einfordern. Wenn eine junge Frau, die erst vor ein paar Jahren durch ihre jüngeren Geschwister alphabetisiert wurde, den Pflichtschulabschluss nachholt. Wenn sich ein Spieler, der bis dato kein Interesse an Arbeitssuche zeigte und nur für den Fußball zu uns kam, plötzlich eine sehr bemühte Bewerbung für unsere Berufsschnuppertage mailt.

Kicken ohne Grenzen - Training

H&H: Was gibt gerade Frauen das Training?

Karina: Wie schon erwähnt, hilft den Frauen der Mannschaftssport extrem dabei, ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Sie betreten hier ja auch in Österreich eine Männerdomäne. Wenn sie bei unseren Turnieren, bei denen man nur als gemischtes Team teilnehmen darf, bei österreichischen Hobby-Teams einspringen, die keine Frau gefunden haben, dann macht sie das sehr stolz. Das beeindruckt natürlich auch die österreichischen Teams. Viele der Spielerinnen haben sich im Laufe der Teilnahme wirklich sehr gewandelt. Hier hilft natürlich auch der Einfluss der Peer-Group. Wenn andere Mädels ihre Hijab fürs Training und später bei Turnieren und Matches trotz vieler Zuschauer abnehmen, dann trauen sich das auch neue Spielerinnen. Der Vorteil am Fußball ist natürlich auch, dass wir Frauen erreichen, die man mit herkömmlichen Bildungsprogrammen nicht erreichen würde. In erster Linie kommen alle jungen SpielerInnen wegen dem Fußball. Sind sie erst mal Teil des Teams und bestärkt, probieren sie auch unsere anderen Angebote aus.

H&H: Welche Sprache wird am Spielfeld gesprochen?

Karina: Es gibt ein Set an Regeln auf das sich vor dem Training alle SpielerInnen einigen. Eine davon lautet: „Wir sprechen hier nur deutsch“. Wer noch nicht so gut deutsch kann, soll eine Freundin oder einen Freund fragen, die/der übersetzen kann. Die Kommunikation auf dem Platz kann aber auch nonverbal passieren. Deswegen ist es für viele SpielerInnen bei uns einfacher, Kontakte zu knüpfen ohne schon perfektes Deutsch zu sprechen. Mittlerweile können aber die meisten schon sehr gut auf Deutsch kommunizieren.

Kicken ohne Grenzen - Teamfoto

H&H: Eine traurige Frage, die man aber stellen muss:

Sind alle KickerInnen noch in Österreich?

Karina: Leider nein. Traurig war, als einer unserer Spieler, Yankuba, abgeschoben wurde. Er war Pflegesohn einer sehr herzlichen und engagierten Familie und ein sehr verbindender Teil unseres Burschen-Teams. Er hatte eine extrem charismatische, sympathische und herzliche Art. Obwohl er der einzige Spieler aus Gambia war, war er trotz kultureller Unterschiede, auch für den Rest des Teams eine wichtige Vertrauensperson. Eines Tages war er weg. Seine Pflegeeltern durften sich bloß durch eine Glasscheibe von ihm verabschieden. Das hat alle erschüttert. Viele dachten: „Wenn ein so gut integrierter charismatischer smarter junger Bursche abgeschoben wird, kann es in Zukunft jeden treffen.“

Das Ziel soll nicht der kulturelle Einheitsbrei sein. Sondern gegenseitige Akzeptanz und ein Abbau der Angst vor dem Fremden.“

H&H: Sport ist gut für den Gemeinschaftssinn, heißt es. Auf was kommt es noch an, damit Integration passiert und funktioniert?

Karina: Meiner Meinung nach muss es offene Räume für einen Austausch geben. Kindergärten, Schulen usw. sind da bestimmt ein super Ort. Es macht keinen Sinn, Kinder mit unterschiedlichem sozialen Background schon von Beginn an zu trennen. Eine Entwicklung, die unser Bildungssystem derzeit leider eher fördert. Wenn Kinder mit Diversität aufwachsen, sind sie meiner Meinung nach auch später besser dazu in der Lage Unterschiede zu akzeptieren. Das Ziel soll ja nicht der kulturelle Einheitsbrei sein. Sondern gegenseitige Akzeptanz und ein Abbau der Angst vor dem Fremden.

H&H: Das Sportministerium hat euch die Förderung gestrichen. Wie kommt ihr durch?

Karina: Ganz gut. Letztendlich hat es uns nicht geschadet, da wir uns nach Alternativen umsehen mussten, die nicht von der politischen Stimmung im Land abhängig sind. Wir haben zwei internationale Stiftungen gefunden, die soziale Sportprojekte fördern und von unserem Projekt begeistert waren. Die Förderzusage kam für einen längerfristigen Zeitraum und wir haben jetzt die Möglichkeit ein bisschen zu planen. Planen statt zittern sozusagen. Die Hälfte unseres Budgets sind aber immer noch private Kleinspender. Das freut uns sehr, da uns das zeigt, dass unsere Arbeit wahrgenommen wird und ankommt. 

Kicken ohne Grenzen - Match

H&H: Welche Wünsche und Ziele habt ihr für dieses Jahr und ganz generell?

Karina: Wir würden gerne unser „Job Goals“-Programm – Berufsorientierung mit Schnuppertagen – auf nachhaltige Beine stellen und ein Angebot schaffen, das alle SpielerInnen nutzen können. Der Traum für die Zukunft wäre ein fixer Standort, eine Art Bildungszentrum, ein Hub, an dem sich Jugendliche treffen können um Fußball zu spielen und nebenbei an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen können. 

H&H: Was gibt euch Hoffnung, was macht euch Angst?

Karina: Angst macht uns das Bild der gemeinnützigen Flüchtlingsarbeit in der Gesellschaft. Wenn nur mehr knapp 40 Prozent in einer Meinungsumfrage hinter der Arbeit der Caritas stehen, dann ist das schon eine sehr beunruhigende Entwicklung.  Hoffnung gibt uns aber das positive Feedback aus unserem Umfeld. Es melden sich immer noch viele Menschen, die sich gerne ehrenamtlich betätigen oder ein soziales Projekt unterstützen wollen. Oft mit dem Beisatz: »Gerade jetzt!«. Viele Menschen oder auch große Unternehmen deklarieren sich jetzt und rotten sich zusammen. Das gibt Hoffnung!

H&H: Danke für das Gespräch und eure beeindruckende Arbeit!

Kicken ohne Grenzen - Teamfoto